Dortmund-Dorstfeld: Von (k)einem „Nazikiez“…

Sommerloch oder Realitätsbeschönigung nach Schließung des Westbades – die „Ruhr Nachrichten“ haben sich in ihrer Samstagsausgabe (15. Juli 2017) mit einer Doppelseite wieder einmal dem Lieblingsthema „Kampf gegen Rechts“ gewidmet. Ausführlich faßt der hinlänglich bekannte Qualitätsjournalist Peter Bandermann zusammen, welch unbedeutende Minderheit die Aktivisten der Partei DIE RECHTE in Dorstfeld seien und wie stark die Zivilgesellschaft in den Stadtteil hineinwirken würde, der doch angeblich zu Unrecht verrufen sei.

Schlaue Statements der üblichen Lokalvertreter von CDU und SPD werden mit einigen Fehlbehauptungen zu Wahlergebnissen abgerundet, die von Bandermann als Beleg für die Bedeutungslosigkeit der „Rechten“ im Stadtteil herangezogen werden – obwohl DIE RECHTE sowohl bei der Kommunalwahl 2014, als auch bei der Landtagswahl 2017 Ergebnisse von 7 bis 9 % in mehreren Wahlbüros im Viertel erreichte. Solche Feinheiten spielen aber keine Rolle, wenn das Ziel der Veröffentlichung nicht die objektive Information, sondern propagandistische Stimmungsmache ist. Und immer wieder fällt die Medienaufmerksamkeit dabei auf ein Wort: Den „Nazikiez“.

Wie der Bonner Generalanzeiger Stadtteilgeschichte schrieb

„Nazikiez“, so titeln mittlerweile rechte wie linke Gruppen über den Stadtteil. Mal als Selbstbezeichnung zur Herausstellung der eigenen politischen Bedeutung, mal als diffamierende Abwertung für einen Stadtteil, der voller „Nazis“ sei. Doch wer den Begriff eigentlich salonfähig machte, weiß heute kaum jemand mehr: Ein Journalist des „Bonner Generalanzeigers“, der im März 2015 eine kleine Schmiererei auf einer Dorstfelder Hauswand zur Artikelüberschrift seiner Dokumentation machte und damit einen politischen Kampfbegriff schuf, der, je nach Deutungsmuster, gänzlich unterschiedlich besetzt ist.

Während die offizielle Presse bemüht ist, den Begriff als rechte Realitätsverzerrung darzustellen und behauptet, durch die Einbeziehung eines ganzen Stadtteils als „eigenes Viertel“ würde sich eine Splitterpartei „größer machen, als sie eigentlich ist“, nutzen Linke den Begriff, um den Wohnort vieler Rechter rund um den Dorstfelder Wilhelmplatz pauschal zu diffamieren. Doch nahezu kaum betrachtet wird, wie die Rechten, die den Begriff mittlerweile selbst offensiv übernehmen – und zuletzt in der örtlichen Bezirksvertretung sogar vorschlugen, ihn als neue Form des Stadtteilmarketings in städtische Broschüren aufzunehmen – ihre Stadtteilbezeichnung deuten. „Nazikiez“, so erfuhr das „DortmundEcho“ auf Nachfrage von einem führenden Aktivisten der Partei DIE RECHTE, sei einfach eine Überbezeichnung für einen Stadtteil, in dem sich niemand stört, daß nennenswerte Bevölkerungsteile in politisch rechte Strukturen eingebunden sind. In dem es keinen zivilgesellschaftlichen Widerstand gibt, wenn der Nachbar an einer Demonstration teilnimmt oder am „Kiosk um die Ecke“ die Werbetrommel für seine Partei rührt. In dem kein Bürger fragend blickt, wenn er gefragt wird, wo denn „die Rechten“ seien, sondern Gewerbetreibende, wie die Mehrzahl der Nachbarn, antworten: „Die Rechten, die wohnen in den und den Häusern, das sind aber alles nette Leute, mit denen gibt es keinen Ärger, im Gegenteil. Viele sind hilfsbereit und ich kenne sogar einen, der ist hochanständig“.

Solche Denkmuster, gepaart mit einer höheren Zahl politischer Aktivisten im Einzugsbereich, tragen dazu bei, den Begriff „Nazikiez“ mit Inhalt zu füllen. Tatsächlich jedoch ist auch dieser Begriff eine Art der Provokation: Er soll der Stadtgesellschaft zeigen, daß Rechte eben ein Teil Dortmunds sind und sich nicht einfach verdrängen lassen. Daß es selbstverständlich ist, auch ein Viertel zu haben, in dem Nationalisten politische Verantwortung übernehmen – „alternative“ Kieze sind aus den meisten Großstädten schließlich ebenso bekannt wie die „Multikulti“-Kieze, die häufig jedoch als Angsträume wahrgenommen werden. Und warum sollte es dann keinen „Nazikiez“ geben, in dem Nationalisten ihr Lebensbild anderen Menschen als positives Beispiel vorleben können? Als beste Form der Werbung um die Herzen unserer Volksgenossen.

Wie eine solche Begriffsprovokation funktioniert, wurde im übrigen erst Anfang Mai 2017 deutlich, als sich die lokale Öffentlichkeit über Wahlkampfwerbung von DIE RECHTE empörte, die mit dem Begriff „Nazikiez“ für Dorstfeld warb – nicht allen kleinen Parteien stehen solch einfache und kostenlose Möglichkeiten zu, mit wenigen Schlagworten tagelang die Schlagzeilen der Presse zu bestimmen. Auch das ist eine Form der funktionierenden Werbestrategie, die längst den „Nazikiez“ als ein alternatives Wohn- und Lebensmodell anpreist.

“Nazikiez“ strafrechtlich trotz hoher Polizeipräsenz unauffällig

Interessant ist an dieser Stelle auch zu erwähnen, mit welcher Dreistigkeit von Polizei und Medien regelmäßig der Eindruck suggeriert werden soll, die Präsenz von Rechten in Dorstfeld hätte Auswirkungen auf die Sicherheitslage – tatsächlich ist der Stadtteil, selbst nach einem Bericht der sogenannten „Task Force gegen Rechts“, unauffällig. Für diejenigen, die regelmäßig die Gefahr von Rechts heraufbeschwören, sind aber auch solche Tatsachen interpretierbar: Natürlich gäbe es kaum rechte Straftaten, die Polizei sei schließlich so präsent und würde diese bereits durch ihre zahlreichen Einsätze verhindern. Eine solche Deutung läßt sich kaum mit Beweisen widerlegen (immerhin gibt es keine Statistiken, welche Straftaten alleine durch Polizeipräsenz verhindert werden können), sie eignet sich aber zu bester politischer Stimmungsmache. Und wenn die Polizei dann doch ihre Präsenz zwischenzeitlich stark reduziert und auch dieser Zeitraum strafrechtlich gänzlich unauffällig ist, dann war das eben Zufall. So funktioniert die krude Logik der „Nazikiez“-Gegner.

Übrigens: Die Journalisten der Massenmedien könnten bei ihrer regelmäßigen Empörung über „Rechte in Dorstfeld“ über ein Gedankenspiel nachdenken. Nämlich die Verteilung dieser hochaktiven Aktivisten von DIE RECHTE über mehrere Stadtteile oder gar auf einen anderen Stadtteil. Die Empörungsschreie der örtlichen Politik- und Medienvertreter über „Rechte in ihrer Nachbarschaft“ würden wohl durch die ganze Stadt hallen. Denn jede Kritik am „Nazikiez“ ist auch eine Kritik an der Daseinsberechtigung politisch rechter Menschen: Irgendwo, ja irgendwo, müssen diese Menschen schließlich leben. Außer – und das wird bisher nicht ausgesprochen – das Ziel all dieser Maßnahmen ist die Ausschaltung der einzelnen Personen. Sicherlich, gezielte Tötungen gehören in der Bundesrepublik bisher noch nicht zum Alltag, aber sie wären eine logische Schlußfolgerung aus so manchem Zeitungsartikel, der Menschen aufgrund ihrer politischen Ansichten ihre Daseinsberechtigung abspricht.

Quelle: DortmundEcho

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